"Klar ist: Die Kommerzialisierung zerstört die grossen Gefühle der Fans. Ich sage absichtlich Fans, denn Zuschauer sind keine Fans. Was viele Investoren ignorieren: In der Privatwirtschaft gibt es Rendite, im Fussball gibt es Gefühle."

— FC Luzern-Trainer Carlos Bernegger im aktuellen Zwölf.


Die SBB und Fussballfans

In der Berner Zeitung wurde SBB-Sprecher Christian Ginsig interviewt. Thema: Bei einem Zug durch einen Tunnel werden diverse Fenster beschädigt. Es stellt sich heraus, dass die SBB einen Schrank nicht richtig gesichert hat. Der Schaden am Zug muss also auf der Seite geschehen sein, der näher an der Tunnelwand liegt. Umso unverständlicher die Antwort des SBB-Sprechers, die ich hier ohne weiteren Kommentar wiedergebe:

Wir sind vorerst von einer anderen Ursache ausgegangen. Wir glaubten, dass die Fenster an den vier Waggons beim Kreuzen mit einem Extrazug mit Fussballfans zerbrachen. 

Tags: SBB Fans


Qualitätsjournalismus #14

Am vergangenen Donnerstag hat Alain Brechbühl, Doktorand der Universität Bern im Fanlokal die Zwischenergebnisse seiner Studie zur “Dynamik der Gewalteskalation am Beispiel des Fussballstadions” vorgestellt. Das grosse Medieninteresse an der Studie ist grundsätzlich sehr positiv. Was einzelne Medien aber im Rahmen der Berichterstattung von sich geben, ist es dann eher weniger.

Das St.Galler Tagblatt beispielsweise: “Gewalttaten an Sportanlässen sind fast an der Tagesordnung.” Dass das Wort “Tagesordnung” per se falsch sein muss, wenn Fussballspiele praktisch nur wochenendlich stattfinden, sei hier mal verziehen. Aber auch wenn man das Wort im Sinne von “Spieltagesordnung” versteht, ist es schlicht falsch und einfach nur polemisch.

Noch viel dreister agiert jedoch das Regionaljournal des Schweizer Radios. Den Bericht auf der Webseite illustriert das Regionaljournal mit einem Bild:image

Auf dem Bild zu sehen ist eine Szene, die sich anlässlich des Cupsiels des FC St.Gallen in Arbedo zugetragen hat. Stattgefunden hat dieses Spiel vor knapp zehn (!) Jahren. Die mangelnde Aktualität wäre das eine, der Untertitel des Bildes das Andere. Die St.Galler Fans seien “nicht zu bremsen” und sie bedrohten “die Fans des 2. Ligisten Arbedo mit Gewalt”. Natürlich, es ist ja weitherum bekannt, wie sehr die FCSG-Fans die zahlreichen Arbedo-Fans hassen und anlässlich eines der seltenen Duelle diesen Hass endlich ausleben konnten. Seit her spricht man in St.Gallen immer wieder über die wüsten Szenen, die sich an diesem Septembertag 2004 ereignet haben. Genug der Ironie: Man fragt sich wirklich, wie man einerseits ein solches Bild überhaupt auswählen kann - offenbar quillt das Archiv eben doch nicht über vor unzähligen Bildern von Ausschreitungen - und wie man dann einen solchen Untertitel kreieren kann.

Wer nachlesen will, was die Zwischenergebnisse der Studie aussagen, kann dies hier tun.

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Qualitätsjournalismus #13

Die Schweiz am Sonntag berichtete in ihrer jüngsten Ausgabe, dass in St.Gallen Verfahren gegen rund 20 YB-Fans laufen. Grund dafür sind offenbar Vorgänge am 4. Mai des letzten Jahres. Die Schuld wird entweder den Fans oder den Sicherheitskräften angelastet. Ich habe den Vorfall nicht miterlebt, also erlaube ich mir auch kein endgültiges Urteil. Dass in St.Gallen die Sicherheitskräfte aber gerne auch mal am Anfang einer Eskalation stehen, ist bekannt.

Wozu es meines Erachtens aber eine Äusserung braucht, ist folgender Ausschnitt aus dem Artikel: "Knapp ein halbes Jahr später kam es am 25. September in der AFG-Arena unter anderen Voraussetzungen erneut zu Scharmützeln zwischen St. Gallens Sicherheitskräften und YB-Fans." Der Begriff Scharmützel impliziert, dass es zumindest zu Handgemengen gekommen sei. Die meisten LeserInnen werden beim Begriff Scharmützel im Zusammenhang mit einem Fussballspiel aber eher gröbere Auseinandersetzungen vor Augen haben. Doch was ist an jenem 25. September passiert? Meine eigenen Beobachtungen wie auch die Beobachtungen aller, mit denen ich gesprochen habe, zeichnen ein ganz anderes Bild. Die YB-Fans wurden nicht in den Sektor gelassen, in den sie wollten. Eine Praxis, übrigens, die nach dem jüngsten Bundesgerichtsurteil zumindest stark auf die Probe gestellt werden wird. Doch Scharmützel deswegen? Fehlanzeige. Kein Wunder wird im weiteren Verlauf des Artikels nicht erwähnt, was denn nun genau an Scharmützeln passiert sein soll.

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Kein gutes Zeugnis für die KKJPD

Vergangene Woche veröffentlichte das Bundesgericht sein Urteil zur Beschwerde gegen die Verschärfungen des Hooligan-Konkordats. Zwei Punkte sind verfassungswidrig, bei vielen anderen Punkten gibt es interessante Erwägungen, die die Auslegung des Konkordats beeinflussen, vor allem aber wohl von Fans und Anwälten in kommenden Gerichtsverfahren aufgeführt werden müssen.

Einen Kommentar zum Urteil durfte ich für Saiten verfassen. Mein Fazit dort:

Fakt ist aber auch, dass der direkte Eingriff des Bundesgerichts in den Konkordatstext der KKJPD kein gutes Zeugnis ausstellt. Es bleibt zu hoffen, dass das Urteil zu einer verhältnismässigeren Anwendung des Konkordats führt, damit Fälle wie die jüngste Testspielabsage wegen unerklärlicher Auflagen verhindert werden können und Fussballfans sich ihr Recht nicht immer wieder vor Gericht erkämpfen müssen.

Das Urteil ebenfalls kommentiert hat Michael Rockenbach in der TagesWoche:

In den nächsten Monaten müssen die Konkordats-Kantone nun das Gegenteil beweisen: dass sie ihre Versprechen künftig halten und die Stadiongänger nicht länger mit unnötigen oder übertriebenen Massnahmen schikanieren.

Mit seinem Urteil hat das Bundesgericht der Staatsmacht deutlich die Grenzen aufgezeigt.

Mehr kann man von der abstrakten Normenkontrolle auch gar nicht erwarten, bei der die Verfassungsmässigkeit von kantonalen Erlassen überprüft wird.

Ganz aktuell und wohl nur sehr am Rande von diesem Urteil beeinflusst, hat nun auch das Parlament des Kantons Basellandschaft die Verschärfungen des Konkordats bachab geschickt. Eine Schwalbe macht bekanntlich noch keinen Sommer, aber zumindest ist es in Sachen Hooligan-Konkordat nicht mehr tiefster Winter.


Qualitätsjournalismus #10

England, wo ja - glaubt man den Bekundungen diverser PolitikerInnen - bekanntlich dank restriktivem Vorgehen der Behörden die für sie perfekte Fussballwelt beobachtet werden kann, klagt über aufkommende Pyrotechnik in den Stadien. Das verleitet die Premier League zu zweifelhaften Umfragen und die Medien zur Jagd nach reisserischen Titeln. Diverse renommierte Medienhäuser - unter anderem der Guardian oder die BBC - titelten vor kurzem, es würden achtjährige Kinder zum Schmuggel von Fackeln angestiftet.

Auf Twitter ist nun ein Dokument aufgetaucht, das mutmasslich am Anfang dieser Geschichte stand. Es zeigt: Ein einziger Mitarbeiter der Stadionsicherheit glaubt, dass ein sehr junges Kind eine Fackel ins Stadion mitgenommen habe.

imageNicht gerade über alle Zweifel erhaben…

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Basel tickt anders

Während in der ganzen Schweiz die Verschärfungen des “Hooligan-Konkordats” mit überwältigenden Mehrheiten - sowohl in den Parlamenten als auch in Volksabstimmungen - angenommen werden, ist in Basel-Land und vor allem in Basel-Stadt der Widerstand gross. Heute hat die Justiz-, Sicherheits- und Sportkommission (JSSK) des Grossen Rats des Kantons Basel-Stadt die Verschärfungen abgelehnt.

Die Kommission lehnte die Verschärfungen nicht wegen eines Zufallentscheides ab. Auch nicht, weil sachfremde Überlegungen reingespielt hätten. In Basel-Stadt scheint man ganz einfach einen anderen Zugang zum Thema zu haben, trotz - oder gerade wegen - der grossen Bedeutung des FC Basel. Davon zeugt die heute veröffentlichte Medienmitteilung der Kommission. Einige Auszüge aus diesem Communiqué, das wohl die Fussballfans in allen anderen Kantonen neidisch machen dürfte:

Mit ihrer Empfehlung an den Grossen Rat will sie ein positives Zeichen gegen die weitgehenden Verschärfungen … und für die konsensorientierte Fanpolitik setzen.

Die Mehrheit der JSSK erachtet die vagen Formulierungen der Bestimmungen, mit welchen den rechtsanwendenden Behörden ein zu grosser Ermessensspielraum eingeräumt wird, generell für problematisch.  

Das regierungsrätliche Argument des einheitlichen Rechtsrahmens erweist sich zudem in den meisten Punkten als illusorisch, weil sich bei einem derart breiten Ermessensspielraum ohnehin in jedem Kanton eine andere Praxis herausbilden wird. 


Gewisse Massnahmen wie das verlängerte Rayonverbot und die Meldeauflage erachtet eine Mehrheit der JSSK für rechtstaatlich fragwürdig oder in der Praxis gar nicht umsetzbar. Zusätzlich besteht die Befürchtung, dass ein Beitritt zum revidierten Konkordat zu erneuten Eskalationen auf Seiten der Fans führe, weil deren Anstrengungen nicht honoriert werden. Der ungünstigen Dynamik zwischen Fans und polizeilichen Behörden müsse deshalb mit einem klaren Signal Einhalt geboten werden.


Schade, dass es nur in Basel zu solch klaren Worten kommt. Schade, dass nur in Basel klar kommuniziert wird, dass “ein klarer Nachweis für eine Tendenz der Zunahme der Gewalt” fehlt, ja dass sogar eine abnehmende Tendenz beobachtet werden kann. 


Qualitätsjournalismus #9

Die Kommission für Verkehr und Fernmeldewesen (KVF) überraschte gestern mit dem Entscheid, nicht auf die Änderung des Personenbeförderungsgesetzes einzutreten. Der Bundesrat wollte damit die Transportpflicht der SBB und weiterer Organisationen aufweichen. So wollte man Fans zwingen, Extrazüge zu benützen.

Während der Entscheid in den meisten Printmedien ziemlich nüchtern wiedergegeben wurde, “glänzt” das SRF mit einem kaum zu unterbietenden Beitrag in der Tagesschau. Um das zu erläutern, muss man sich erst mal der Sinnlosigkeit der angestrebten Gesetzesänderung bewusst werden. Die aktuelle Situation präsentiert sich in etwa so: Ja, es gibt vereinzelt Sachbeschädigungen und Gewaltvorfälle auf den Zügen und in den Bahnhöfen. Und ja, das ist zu verurteilen. Aber: Die Kosten, die bei den SBB wegen der Fantransporte anfallen, sind zum allergrössten Teil nicht von Fans verursacht. Zudem fallen die Kosten bereits jetzt in Extrazügen an, weil mittlerweile praktisch die Fans aller Klubs mit nennenswertem Anhang in Extrazügen anreisen. Zusammengefasst: Der Bundesrat will das angeblich riesige Problem der Gewalt und Kosten im Zusammenhang mit Fantransporten lösen, indem er die Fans dazu zwingt, genau so zu reisen, wie sie das bis jetzt tun. Man muss nun wirklich kein Genie sein, um zu erkennen, dass das wenig Sinn macht; selbst wenn die Probleme wirklich so gross wären, wie immer wieder suggeriert wird. Dass die Gesetzesänderung schlicht nicht umsetzbar wäre, ist damit noch nicht mal ins Feld geführt. Es scheint viel eher der Hintergedanke zu sein, die Beförderungspflicht zu lockern, indem man gegen die lobbylosen Fussballfans ins Feld zieht. Danach kann mans dann auf alle unliebsamen Passagiere ausdehnen, mit dem Verweis auf die Fussballfans.

Das SRF scheint sich wenig für die tatsächliche Situation zu interessieren. Einige Punkte, bei denen ich nur den Kopf schütteln kann:

  1. Gleich in der Einleitung zum Bericht wird suggeriert, dass praktisch jeder Extrazug völlig demoliert wird. Diese Unterstellung wiederholt sich im Verlaufe des Berichts, gefolgt von einem “und dennoch hat Aline Trede heute die Kommission überzeugt” in einem Tonfall, der völliges Unverständnis ausdrückt.
  2. Dass Fans bereits jetzt in Extrazügen anreisen, wird gar nicht erst erwähnt. Offenbar ist es für das SRF unvorstellbar, dass Fans etwas machen, zudem sie nicht gezwungen werden. Das gipfelt in der Aussage des Moderators, dass die Kommission den “Antrag für solche Extrazüge” ablehnt. Es geht eben nicht um den Antrag für Extrazüge, sondern um den Antag der Lockerung der Beförderungspflicht.
  3. Gezeigt werden die immer gleichen Bilder. Ein Extrazug der Sion-Fans auf dem Rückweg vom Cupfinal, Ausschnitte aus einer Rundschau-Reportage, alles schon Jahre alt. Neueres Material existiert offenbar nicht.
  4. Die Aussagen des Generalsekretärs der KKJPD werden unkommentiert übernommen. Aus welchen fahrplanmässigen Zügen sollen die Fans denn raus? Wo fahren die Extrazüge denn nicht direkt bis zum Stadion, wenn das möglich ist (abgesehen von einigen Protestaktionen in Bern)? Welche Bahnhöfe und Innenstädte werden blockiert (wos nicht einfach unmöglich ist, ohne Verkehrsbeeinträchtigung von einem Bahnhof zum Stadion zu gelangen)?

Im Januar 2012 habe ich auf diesem Blog einen Beitrag abgeschlossen mit: “Es bleibt zu hoffen, dass dieses durchsichtige Spiel der SBB von den ParlamentarierInnen nicht mitgespielt wird, wenn die Transportpflicht diskutiert wird.” Offenbar haben zumindest 13 ParlamentarierInnen der KVF nicht mitgespielt.

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Panikmache vs. Realität

Unter diesem Titel habe ich im Dezember 2012 und im Juni dieses Jahres schon gebloggt. Nun erscheint eine weitere Statistik, die belegt, dass Fussballspiele die Schweizer Bevölkerung offenbar doch nicht vor Angst erstarern lassen.

Die Swiss Football League informiert heute über eine Analyse der European Professional Football League. In dieser wurde der Zuschauerwachstum der letzten fünf Jahre untersucht. Abgesehen von Polen und der Ukraine ist in keinem Land der Zuschauerschnitt derart stark gewachsen wie in der Schweiz. Satte 6.6% beträgt das Wachstum in der Fünf-Jahres-Tendenz. Natürlich: Auch die Schweiz konnte - wie das ebenso für die Spitzenreiter Polen und Ukraine gilt - von neuen Stadien profitieren. Verbesserter Komfort ist offenbar für einige Matchbesucherinnen und -besucher ein wichtiger Aspekt. Trotzdem zeigt die Entwicklung eines auf: Die starke mediale Inszenierung von tatsächlichen und angeblichen Problemen rund um den Schweizer Fussball (und auch deren Überzeichnung) hindert die Bevölkerung nicht daran, Fussballspiele zu besuchen.

Das Fazit bleibt, wie es in den erwähnten beiden Posts schon Bestand hatte:

Diejenigen, die kaum je ein Stadion von innen gesehen haben, wollen uns weismachen, wie gefährlich es rund um den Fussball ist.


Qualitätsjournalismus #6

Der Gratiszeitung 20Minuten kommt erneut die Ehre zu, in dieser Rubrik erwähnt zu werden.

Am Sonntag haben offenbar FCZ-Fans ihren Extrazug angehalten, um baden zu gehen. Um das einzubetten, wird im letzten Satz eine alte Geschichte aufgewärmt, die mittlerweile schon oft genug dementiert wurde:

“Von Hooligans angerichtete Schäden kosten die SBB jährlich über 3 Millionen Franken.”

Das dem nicht so ist - in Wirklichkeit beläuft sich die Summe auf weniger als eine Viertelmillion - sollte mittlerweile eigentlich auch bei der 20Min-Redaktion angekommen sein. Falls nicht: Infos gibts hier.

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UPDATE (22. Juli, 22.28h): Der erwähnte Satz ist nun im Artikel gestrichen.