Urawa Red Diamonds - Kawasaki Frontale 1:0

Der dritte und letzte Matchbericht von meiner Japan-Reise ist beim Runden Leder erschienen. Alle bisher erschienen Texte zu Japan finden sich hier.

Anreise
Das Stadion der Urawa Red Diamonds liegt in einem Vorortsbezirk Tokyos. Dorthin gelangt man am einfachsten mit der Saitama Railway Line, welche eine direkte Fortsetzung der Nanbuko Metro Line darstellt. Wer also beispielsweise in Oji in die Metro steigt, kann bis zur Station Urawa-Misono durchfahren, auch wenn die Metro zwischendurch zur S-Bahn wird. Von der Station geht es den Menschenmassen nach, das etwa 1km entfernte Stadion lässt sich kaum verfehlen. Eine englische Wegbeschreibung findet sich hier.

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Stadion
Das Saitama Stadium 2002 wurde, wie es der Name andeutet, für die WM 2002 gebaut. Es sollte dem Vorortbezirk Urawa als Anstoss dienen, die Entwicklung des Gebiets voranzutreiben. Auch heute steht das Stadion aber noch verlassen inmitten einer sonst für den Grossraum Tokyo unüblichen Brache. Im Gegensatz zu vielen anderen Stadien in Japan handelt es sich hier um ein reines Fussballstadion, das zudem durch seine Grösse beeindruckt. Über drei Ränge verteilen sich 63‘700 Sitze. Free-Seating in der gewählten Kategorie gibt’s hier aber nicht. Entsprechend sollte man sich, auch wenn es gerade stürmt, an den Eingang halten, der auf dem Ticket aufgedruckt ist. Sonst endet man im falschen Rang und muss auf die Hilfsbereitschaft eines japanisch sprechenden Zuschauers hoffen, der dem Personal am Stadioneingang erklärt, warum man jetzt mit einem bereits entwerteten Ticket wieder vor dem Stadion steht.

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Atmosphäre
Die Urawa Red Diamonds – oder kurz die Urawa Reds – sind das japanische Team mit der grössten Anhängerschaft. Und der Verein scheint sich auch der Liga der ganz Grossen angehörig zu fühlen. Anders lässt sich die massive Lärmbelästigung vor dem Spiel nicht erklären, durch die wohl dem Spiel ein geeigneter Rahmen verliehen werden soll. Während dem Spiel hält sich die unnötige Berieselung mit einer Mischung aus Werbung und Anheizen aber zum Glück auf einem Minimum. Leider bleibt aber auch die Kurve der Urawa Reds bei einem Minimum. Während wir zuerst noch an einen Streik der Kurve glaubten – auch wenn wir uns das in Japan kaum vorstellen konnten – stellte sich im Nachhinein hinaus, dass man in Urawa wirklich so selten singt. Die fehlenden Zaun- und Schwenkfahnen sind eine Spätfolge eines „Japanese Only“-Banners, das die Reds am Eingang zu ihrem Block platziert hatten. Der Verein erlaubt seither nur noch vereinseigene, kleine Schwenkfahnen. Ganz anders als die Fans von Urawa waren aber die Gäste aus Kawasaki glänzend aufgelegt. Ein gefüllter Gästeblock, der im unteren Teil einen beachtlichen Stimmungsblock beinhaltete, der konstant für Stimmung sorgte und auch einige eigene Melodien auf Lager hatte. Optisch wars aber einmal mehr ziemlich kopiert. Die Gästefans hatten zwar über die meiste Zeit des Spiels die Oberhand. Wenn die Reds aber mal loslegen, offenbarten sie ein immenses Potenzial, das man eigentlich besser ausschöpfen müsste. Immerhin waren die Reds die einzige Anhängerschaft, die auch mal einen Gegenspieler mit Pfiffen eindeckten.

Spiel
Die Reds, die an sich wohl immer den Anspruch stellen, vorne mitzumischen, sind nicht optimal in die Saison gestartet, die hier jeweils erst im Frühling beginnt. Nach den ersten Spielen scheint man sich aber gefangen zu haben und setzt Kurs in Richtung Tabellenspitze. Ein eigentlich eher defensiv ausgerichtetes 3-6-1 entpuppte sich dank des sehr variablen Mittelfelds als gute Waffe gegen die Abwehr von Kawaski. Diese konnten sich nur ab und selber in Szene setzen, vergaben aber sämtliche Chancen. Urawa indes hatte auch Mühe, die Chancen zu verwerten. Erst in der 68. Minute klappte es mit dem ersten und einzigen Tor.

Fazit
Kurzum: Zwiespältig. Von der Fanszene Urawas hätte man sich mehr erwartet. Das offensichtliche Potenzial wird nur sehr selten ausgenützt. Positiv überrascht haben dafür die mitgereisten Anhänger aus Kawasaki. Spielerisch wars vermutlich das beste der drei Spiele.


Qualitätsjournalismus #19

Am vergangenen Montag hatte ich bereits auf einen 20Minuten-Artikel Bezug genommen, in dem es um die angeblich gesteigerte Fangewalt ging. Dabei hatte ich die Rolle der Medien absichtlich noch nicht betrachtet, sondern nur auf den Widerspruch in Nationalrat Hurters Aussage bezüglich (un)gesunder Ohrfeigen hingewiesen. Dank eines Kommentars von ShizzoHurter bin ich jetzt auf die tatsächlichen Statistiken gestossen, auf die sich die Medienberichte beziehen. Deshalb nun doch noch eine neue Episode in der Reihe Qualitätsjournalismus.

Zur Erinnerung: Die SonntagsZeitung berichtet in ihrer aktuellsten Ausgabe von einer Zunahme der Fangewalt. Dabei verweist das Wochenblatt auf Zahlen des Bundesamts für Statistik. Diese scheinen eine Zunahme von Gewaltstraftaten im Umfeld von Sportveranstaltungen von 228 im Jahr 2012 auf 258 im Jahr 2013 zu belegen. Weitere Zeitungen nehmen die Meldung im Anschluss auf.

Wer die diversen Artikel sorgfältig liest, dem fällt gleich zu Beginn auf: Von den gesamthaft 258 Straftaten entfallen 52 auf Gewalt und Drohung gegen Beamte und 85 auf Tätlichkeiten. Ohne diese beiden Straftatbestände schönreden zu wollen: Es gäbe weitaus schlimmere. Betrachtet man dann noch die Zunahme bei diesen zwei Straftatbeständen (+23 bzw. +26) wird klar: Der Anstieg beim Total der Straftaten von insgesamt 30 ist geringer als der Anstieg in diesen zwei Kategorien. Folglich tauchen andere Straftatbestände weniger oft auf. Das hätte dem einen oder anderen Journalisten durchaus auffallen dürfen.

Diesen Ausführungen zum Trotz: Eigentlich kann mit den vorliegenden Zahlen gar keine Aussage getroffen werden. Egal in welche Richtung. Das offenbart sich, wenn man die Statistiken des Bundes genauer anschaut.

Was von den Medien als Gewalt im Umfeld von Sportveranstaltungen bezeichnet wird, entpuppt sich als “Gewaltstraftaten in Sportanlagen”. Das mag nach einem vernachlässigbaren Unterschied klingen, ist es aber keineswegs. Es kann nämlich durchaus sein, dass eine Gewaltstraftat in einer Sportanlage verübt wird, ohne dass irgendein Spiel stattfindet. In der Statistik taucht beispielsweise auch ein Tötungsdelikt auf. Man darf getrost davon ausgehen, dass man dieses Tötungsdelikt schon mit Fans in Verbindung gebracht hätte, wenn es im Umfeld einer Sportveranstaltung passiert wäre. Das gleiche trifft auf die zwei erfassten Vergewaltigungen zu.

Eigentlich unfassbar, wie die SonntagsZeitung hier vorgeht. Und wie andere Medien unkritisch einfach übernehmen, was vorgekaut wird. Man nimmt eine Statistik, die zum Thema kaum etwas auszusagen vermag, und interpretiert sie dann auch noch so, dass es mal wieder nach Bürgerkrieg rund um die Stadien klingt. Erstaunlich, dass die Medien nicht gleich von mordenden, vergewaltigenden Horden sprechen. Schliesslich sind Fussballfans gemäss eines “Kolumnisten" ja auch nur eine moderne Version der Waffen-SS. Nun gut, offenbar ist man in der heutigen Schweizer Medienlandschaft frei, wie man mit Daten umzugehen hat. Deshalb mein Beitrag dazu (mit den gleichen Daten): "Erfreulich: Die Anzahl der Landfriedensbrüche rund um Sportveranstaltungen hat sich halbiert!" oder "Fangewalt auf zweittiefstem Stand seit 2009!"

Anmerkung: Zwischen dem Verfassen des Artikels und der Publikation liegen wegen technischer Probleme einige Tage. In der Zwischenzeit hat auch kurzpass.ch die Geschichte aufgearbeitet und verdankenswerterweise mit dem Bundesamt für Statistik gesprochen, welches der SonntagsZeitung ebenfalls ein schlechtes Zeugnis ausstellt. Interessant zum Beispiel dieser Ausschnitt: “Abschliessend hält Hayoz fest: «Wenn man die Zahlen über die letzten Jahre betrachtet ist es eine falsche Behauptung, von einem Anstieg der Gewalt zu sprechen.» Als man von der «SonntagsZeitung» wegen der Daten angefragt worden sei, habe das BfS auf die Schwierigkeit der Interpretation hingewiesen. Das BfS habe den Artikel vor der Publikation jedoch nicht gesehen.”

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Qualitätsjournalismus #18

Mit Agenturmeldungen ist es so eine Sache. Einerseits übernehmen Zeitungen die zugetragenen Infos mitunter gleich komplett, füllen ihr Blatt also ohne Eigenleistung. Andererseits gehen die Agenturen mit dieser faktischen Machtposition oft wenig sorgsam um. Deshalb gebührt die “Ehre” dieser Qualitätsjournalismus-Episode sowohl dem St.Galler Tagblatt als auch der Sportinformation. 

In einem mit dem Kürzel si versehenen Einspalter im heutigen Tagblatt steht nämlich zum Spiel HSV-Bayern unter anderem: “Der schlagkräftige Teil der Fans löste nach dem 1:4 in ihrem grenzenlosen Ärger auf der Tribüne schwereTumulte aus.” Die Rede ist von Tumulten im Block 22c, einem Sektor der Hamburger Fans. Wer diesen Satz liest, geht davon aus, dass die Hamburger Fans Randale angezettelt hatten. Wer sich etwas weiter informiert, muss nicht unbedingt zu diesem Schluss kommen. 

Der Tumult entstand nach einhelliger Meinung, als Polizisten in Kampfmontur den besagten Block betraten, um ein A.C.A.B.-Transparent zu entfernen. Man kann natürlich sehr wohl der Meinung sein, dass sich solche Plakate nicht gehören. Dafür aber unzählige Verletzte zu provozieren, weil man mit Schlagstock und Pfefferspray in einen vollbesetzten Block einmarschiert, ist kaum gerechtfertigt. Zumal das Transparent strafrechtlich nicht einmal relevant sei, wie die Hamburger Gruppe Chosen Few in einer Stellungnahme schreibt. Auch der Supporters Club und das HSV Fanprojekt verurteilen den Polizeieinsatz. Und spätestens bei diesem Blogpost wird klar, dass hier auch der Otto-Normalfan nicht versteht, warum die Polizei so eingefahren ist.

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Sanfrecce Hiroshima vs. FC Tokyo 1:0

Nach dem im Saiten erschienen Artikel, der meine Fussballerlebnisse in Japan zusammengefasst hat, erschien heute der erste Spielbericht auf dem Blog “Zum Runden Leder”. Zwei weitere Spielberichte folgen.

Anreise
Auf dem Weg zum Stadion ist die grösste Hürde gleich zu Beginn zu meistern: Die Astram-Linie die direkt zum Stadion führt, startet an der Station „Hondori“. Auf den gleichen Namen hört eine Haltestelle der Strassenbahn, die den Hauptteil des öV im Stadtzentrum zu schlucken scheint. Wer davon ausgeht, dass es sich dementsprechend um die gleiche Haltestelle halten müsse, der wird umherirren. Wenn man aber mal erkannt hat, dass die gesuchte Haltestelle unter der Erde liegt, ist der Weg zum Stadion ein Klacks und dauertetwa 36 Minuten (das Wort „etwa“ scheint im japanischen öV nicht zu existieren). Bei der Station „Koiki-koen-mae“ angekommen, wäre das Stadion in wenigen Minuten zu Fuss erreichbar. Der Verein stellt jedoch Shuttlebusse, an deren Benützung man kaum vorbeikommt, weil von so vielen in Vereinsfarben gekleideten Personen der Weg dorthin gezeigt wird. Eine englische Wegbeschreibung gibt’s hier.

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Stadion
Sanfrecce Hiroshima trägt seine Heimspiele im Hiroshima Big Arch aus. Der Name lässt darauf schliessen, wie das Stadion aussieht. Ein grosser Bogen prägt die Haupttribüne, an welchem auch Teile der Beleuchtung angebracht sind. Warum das Stadion früher Hiroshima Park Main Stadium hiess, erschliesst sich dem Besucher – zumindest nachts – nicht. Warum es jetzt eigentlich Edion Stadium heisst hingegen schon, wenn man die Werbeplakate betrachtet. Beim Ticketkauf wählt man lediglich eine Kategorie aus, danach darf man sich seinen Platz selber aussuchen. In unserem Fall hiess das für um die 30 Franken auf der Gegentribüne Platz nehmen. Die beiden Fanlager befinden sich in den beiden Hintertorkurven, leider beide etwas mehr in Richtung Gegengerade, wodurch uns ein optimaler Blick auf die beiden Lager leider verwehrt blieb. Rund ums Feld verläuft eine der ungeliebten Laufbahnen.

Atmosphäre
Fussball ist auch in Japan beliebt. Oft steht es aber hinter Baseball nur an zweiter Stelle. So scheint es auch in Hiroshima zu sein. Während sich das lokale Baseball-Team hoher Beliebtheit erfreut, verirren sich zum Meister der letzten beiden Jahre gerade mal gut 12‘000 Zuschauer. Während ein beträchtlicher Teil davon vor allem damit beschäftigt ist, allerlei Speisen zu verzehren, befinden sich hinter den beiden Toren echte Stimmungsblöcke. Aus der Hauptstadt sind rund 200 Fans angereist, im Heimbereich machen rund 2‘000 Menschen ordentlich Lärm. Was auf den ersten Blick auffällt: Vieles ist kopiert. Es entsteht eine Mischung aus meist europäischen Melodien und einigen südamerikanischen Stilelementen. So hört man bekannte Melodien und sieht Zaunfahnen, die man so (oder zumindest so ähnlich) auch in anderen Ländern schon gesehen hat. Das Highlight hängt dabei auf der Seite von Hiroshima: Commando Viola Ultra‘ Curva Ovest. Den Gästen aus Tokyo hätten wir dank ihrer Melodien eigentlich etwas mehr Originalität attestiert, das vor der Partie gesungene „You’ll never walk alone“ lässt das aber leider nicht zu.

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Spiel
Eigentlich sollte die Begegnung ganz anständigen Fussball bieten. Die Gäste aus Tokyo bewegen sich zwar nur im Mittelfeld der höchsten japanischen Liga, der Gastgeber aber konnte in den letzten beiden Jahren die Meisterschaft gewinnen. Man merkts der Einleitung an, so gut war der Fussball nicht. Hiroshimas Trainer Moriyasu liess nur einen nominellen Stürmer auflaufen. Zwei der sechs aufgestellten Mittelfeldspieler schienen zwar eine offensive Rolle einnehmen zu wollen, die Verteidiger passten sich aber meist lieber zuerst gefühlte hundert Mal gegenseitig den Ball zu, bevors einige Meter nach vorne ging. Tokyo versuchte zwar offensiver zu agieren, waren aber zu wenig im Ballbesitz um das wirklich in die Tat umzusetzen. Chancen blieben entsprechend Mangelware, obwohl der Schiedsrichterassistent tatkräftig mithalf und in der ersten halben Stunde die Anwendung der Abseitsregel konsequent verweigerte. Hiroshimas Coach schien sich mit dem Unentschieden anfreunden zu können: er wechselte gegen Ende des Spiels sogar seinen einzigen nominellen Stürmer aus. Die Mannschaft aber wollte dann doch noch etwas mehr zeigen. In der 80. Minute verwertete Chiba – ein Verteidiger – nach einem Eckball doch noch per Kopf. Der Meister übernahm damit wieder die Tabellenführung.

Fazit
Wenn dieses Spiel repräsentativ ist, braucht es in Japan nicht allzu viel, um zweimal hintereinander Meister werden zu können. Auf dem Platz wars kein Highlight, auf den Rängen dafür aber ganz ordentlich, wenn auch etwas zu wenig „Eigenheiten“ zu beobachten waren. In Erinnerung bleibt zudem, wenn auch auf spezielle Art und Weise, dass am Eingang jeder Zuschauer – ungeachtet von Alter und/oder Geschlecht – mit einem halben Starterkit begrüsst wird, um sein Büromaterial in die Klubfarben zu tauchen.


Qualitätsjournalismus #17

Gäbe es einen Preis für den geschmacklosesten Vergleich, der Blick am Abend hätte ihn auf sicher. In der Rubrik “Glogger mailt” ist zu lesen (und nein, ich erfinde nichts, das steht da wirklich!):

Wer von euren «Fans», die wie einst die Gestapo oder die Waffen-SS in Städte einmarschieren, abkoten, urinieren, Geschäfte verwüsten, SBB-Waggons zerlegen, ständig Notbremsen ziehen oder warten, bis endlich einer stirbt – genau: Es sind eure Fans!

Geschmackloser, ja gar idiotischer gehts nun wirklich nicht mehr.

(Man könnte nebenbei auch hier noch die Frage aufwerfen, warum die Vereine denn für ihre Fans haften sollen. Als ob die, wie FCB-Präsi Heusler mal gesagt hat, am Spieltag aus dem Keller geholt und angemalt würden.)

(Zu allen Beitragen zu “Qualitätsjournalismus”)


Fussball in Japan: Verneigung statt La Ola

150 Jahre diplomatische Beziehungen Schweiz-Japan: Überall wird gefeiert, in St.Gallen gibt es gleich drei Ausstellungen dazu, nur der Fussball ist kein Thema. Ruben Schönenberger hat sich kürzlich in Japan umgesehen.

Vor rund 20 Jahren hat sich der japanische Fussball mit der J-League ein neues Gesicht gegeben. Die Professionalisierung der Strukturen, wie sie fast jedes Land früher oder später durchmacht, markierte eine Art Neuanfang.

Japanische Fussballvereine blicken zu einem grossen Teil auf eine Vergangenheit als Firmenmannschaft zurück. Mit der Einführung der J-League brach man auch im Vereinsnamen mit dieser Tradition. Vereinsnamen mit Markenintegration wie Mitsubishi Urawa oder Mazda SC machten Bezeichnungen Platz, die wohl aufgrund eines möglichst hohen Vermarktungspotenzials gewählt wurden.

Internationalisierungs-Strategie
So spielen in der höchsten japanischen Liga, der J-League 1, zurzeit Mannschaften wie Sanfrecce Hiroshima, Kawasaki Frontale oder Urawa Red Diamonds. Man macht sich dabei schon gar nicht mehr die Mühe, die Vereinsbezeichnungen in japanischer Schrift abzufassen. Eine offensichtliche Internationalisierungs-Strategie.

Genützt hat das alles bisher nur wenig. Die japanische Nationalmannschaft konnte zwar ab und an auf sich aufmerksam machen, was aber dabei der heimischen Liga zukommt, ist schwer zu sagen. Die Klubmannschaften sind zumindest in den westlichen Fussball-Hochburgen kaum ein Begriff.

Die Fans ihrerseits haben auch eine Art Internationalisierung hinter sich. Wer schon hierzulande bemängelt, dass den Fanszenen das (Orts-)Spezifische abgeht, dass kaum noch Eigenheiten bestehen oder dass alle Fanszenen sich immer mehr gleichen, wird diesen Eindruck in Japan erst recht erhalten. Fast alles scheint kopiert.

Die Zaunfahnen zeigen Namen von Fangruppen, dies so oder zumindest so ähnlich auch andernorts gibt. Bei Sanfrecce Hiroshima ist beispielsweise vom Commando Viola Ultra‘ Curva Ovest zu lesen. Das scheint kaum eine typisch japanische Bezeichnung zu sein.

Auch in den Fankurven dominieren Elemente, die man kennt: Vertikal gespannte Stoffbahnen erinnern an Südamerika, grosse Schwenkfahnen in Reih und Glied an die deutsche Bundesliga. Die Melodien der Fangesänge sind oft bekannt. YouTube scheint man in Japan gut zu kennen. Etwas abstrus wird es aber, wenn man ein «Forza Viola» aus hunderten japanischen Kehlen hört.

Trotzdem ist Fussball in Japan mehr als einfach nur ein aus verschiedenen Ländern zusammengewürfeltes Stadionerlebnis. Für viele scheint der Stadionbesuch mehr Familienausflug als Sportanlass zu sein. Man trifft früh ein, bringt Unmengen an Essen mit und kauft dann nochmal ebenso viel an den zahlreichen Verpflegungsständen ein. Essen scheint hier elementarer Bestandteil des Stadionerlebnisses zu sein.

Auf die Fans in den Kurven trifft das natürlich weniger zu. Auch hier wird 90 Minuten lang gesungen. Und obwohl der Stil nicht unbedingt von Originalität strotzt, ist doch eine Eigenheit zu beobachten: Die gegnerische Mannschaft wird zwar nicht gerade bejubelt, aber meist mit einem gewissen Respekt bedacht. Gesänge gegen die jeweils andere Mannschaft gibt es selten, dafür versuchen die Fans die Spieler immer mal wieder mit unkoordiniertem Lärm abzulenken, wenn diese in Tornähe kommt.

Geisterspiel gegen Rassismus
Trotz des grossen Respekts musste die japanische Liga unlängst einen Skandal verzeichnen, als Fans der Urawa Red Diamonds, der meistunterstützte Verein des Landes, am Eingang zu ihrem Block ein «Japanese Only»-Banner platzierten. Der japanische Verband verurteilte diesen Rassismus und bestrafte den Verein aus dem Tokioter Vorort mit einem Geisterspiel.

In einem englisch-sprachigen Blog zum japanischen Fussball wird die Meinung unterstützt, dass es sich dabei um einen rassistischen Vorfall handelte. Als Tourist könnte man sich gut vorstellen, dass die Fans der Urawa Reds auch einfach genug hatten von Touristen in ihrem Stimmungsblock. Sollte dies der Fall sein, hätten sie sich natürlich auf eine denkbar dumme Art und Weise dagegen gewehrt.

Die wohl auffälligste Eigenheit für (westeuropäische) Fussballtouristen zeigt sich aber nach dem Spiel: Wenn hierzulande die Mannschaft mit den eigenen Fans nach dem Spiel die Welle macht, bedankt sich eine japanische Mannschaft mit einer Verneigung für die Unterstützung.

(Dieser Text ist am 25. April 2014 im Blog des Kulturmagazins Saiten erschienen).


"Klar ist: Die Kommerzialisierung zerstört die grossen Gefühle der Fans. Ich sage absichtlich Fans, denn Zuschauer sind keine Fans. Was viele Investoren ignorieren: In der Privatwirtschaft gibt es Rendite, im Fussball gibt es Gefühle."

— FC Luzern-Trainer Carlos Bernegger im aktuellen Zwölf.


Die SBB und Fussballfans

In der Berner Zeitung wurde SBB-Sprecher Christian Ginsig interviewt. Thema: Bei einem Zug durch einen Tunnel werden diverse Fenster beschädigt. Es stellt sich heraus, dass die SBB einen Schrank nicht richtig gesichert hat. Der Schaden am Zug muss also auf der Seite geschehen sein, der näher an der Tunnelwand liegt. Umso unverständlicher die Antwort des SBB-Sprechers, die ich hier ohne weiteren Kommentar wiedergebe:

Wir sind vorerst von einer anderen Ursache ausgegangen. Wir glaubten, dass die Fenster an den vier Waggons beim Kreuzen mit einem Extrazug mit Fussballfans zerbrachen. 

Tags: SBB Fans


Qualitätsjournalismus #14

Am vergangenen Donnerstag hat Alain Brechbühl, Doktorand der Universität Bern im Fanlokal die Zwischenergebnisse seiner Studie zur “Dynamik der Gewalteskalation am Beispiel des Fussballstadions” vorgestellt. Das grosse Medieninteresse an der Studie ist grundsätzlich sehr positiv. Was einzelne Medien aber im Rahmen der Berichterstattung von sich geben, ist es dann eher weniger.

Das St.Galler Tagblatt beispielsweise: “Gewalttaten an Sportanlässen sind fast an der Tagesordnung.” Dass das Wort “Tagesordnung” per se falsch sein muss, wenn Fussballspiele praktisch nur wochenendlich stattfinden, sei hier mal verziehen. Aber auch wenn man das Wort im Sinne von “Spieltagesordnung” versteht, ist es schlicht falsch und einfach nur polemisch.

Noch viel dreister agiert jedoch das Regionaljournal des Schweizer Radios. Den Bericht auf der Webseite illustriert das Regionaljournal mit einem Bild:image

Auf dem Bild zu sehen ist eine Szene, die sich anlässlich des Cupsiels des FC St.Gallen in Arbedo zugetragen hat. Stattgefunden hat dieses Spiel vor knapp zehn (!) Jahren. Die mangelnde Aktualität wäre das eine, der Untertitel des Bildes das Andere. Die St.Galler Fans seien “nicht zu bremsen” und sie bedrohten “die Fans des 2. Ligisten Arbedo mit Gewalt”. Natürlich, es ist ja weitherum bekannt, wie sehr die FCSG-Fans die zahlreichen Arbedo-Fans hassen und anlässlich eines der seltenen Duelle diesen Hass endlich ausleben konnten. Seit her spricht man in St.Gallen immer wieder über die wüsten Szenen, die sich an diesem Septembertag 2004 ereignet haben. Genug der Ironie: Man fragt sich wirklich, wie man einerseits ein solches Bild überhaupt auswählen kann - offenbar quillt das Archiv eben doch nicht über vor unzähligen Bildern von Ausschreitungen - und wie man dann einen solchen Untertitel kreieren kann.

Wer nachlesen will, was die Zwischenergebnisse der Studie aussagen, kann dies hier tun.

(Zu allen Beitragen zu “Qualitätsjournalismus”)


Qualitätsjournalismus #13

Die Schweiz am Sonntag berichtete in ihrer jüngsten Ausgabe, dass in St.Gallen Verfahren gegen rund 20 YB-Fans laufen. Grund dafür sind offenbar Vorgänge am 4. Mai des letzten Jahres. Die Schuld wird entweder den Fans oder den Sicherheitskräften angelastet. Ich habe den Vorfall nicht miterlebt, also erlaube ich mir auch kein endgültiges Urteil. Dass in St.Gallen die Sicherheitskräfte aber gerne auch mal am Anfang einer Eskalation stehen, ist bekannt.

Wozu es meines Erachtens aber eine Äusserung braucht, ist folgender Ausschnitt aus dem Artikel: "Knapp ein halbes Jahr später kam es am 25. September in der AFG-Arena unter anderen Voraussetzungen erneut zu Scharmützeln zwischen St. Gallens Sicherheitskräften und YB-Fans." Der Begriff Scharmützel impliziert, dass es zumindest zu Handgemengen gekommen sei. Die meisten LeserInnen werden beim Begriff Scharmützel im Zusammenhang mit einem Fussballspiel aber eher gröbere Auseinandersetzungen vor Augen haben. Doch was ist an jenem 25. September passiert? Meine eigenen Beobachtungen wie auch die Beobachtungen aller, mit denen ich gesprochen habe, zeichnen ein ganz anderes Bild. Die YB-Fans wurden nicht in den Sektor gelassen, in den sie wollten. Eine Praxis, übrigens, die nach dem jüngsten Bundesgerichtsurteil zumindest stark auf die Probe gestellt werden wird. Doch Scharmützel deswegen? Fehlanzeige. Kein Wunder wird im weiteren Verlauf des Artikels nicht erwähnt, was denn nun genau an Scharmützeln passiert sein soll.

(Zu allen Beitragen zu “Qualitätsjournalismus”)