Qualitätsjournalismus #16

Ich habs mir jetzt doch noch angetan. Und ich hätte es besser nicht getan. Die Rede ist von der Rundschau vom 23. April 2014. Das Reportage-Magazin des Schweizer Fernsehens hatte mit dem Cupfinal ein gefundenes Fressen.

Ich habe eigentlich gar keine grosse Lust, sehr fundiert auf den Beitrag einzugehen, zumal ich ja zur Zeit des Cupfinals in einem Flugzeug sass und nicht viel davon mitbekommen habe. Exemplarisch greife ich einfach drei Aspekte heraus:

  • Im Bericht wird mit Verweis auf die leeren Sitzplätze die Behauptung in den Raum gestellt, dass manch einer aus Angst vor Gewalt nicht gekommen sei. Wie unsinnig diese immer wieder geäusserte These ist, habe ich auf diesem Blog schon mehrfach thematisiert.
  • Der SBB-Medienchef darf einmal von “3 Millionen ungedeckten Schäden” sprechen. Auch wenn er danach gleich das Wort “Kosten” ausspricht, die SBB hat immer noch Mühe mit diesen 3 Millionen. Wie die SBB bzgl. Fans tickt, habe ich ebenfalls schon mehrfach angesprochen. Ein Magazin wie die Rundschau müsste so etwas thematisieren.
  • Im an den Beitrag anschliessenden Interview mit Aline Trede zeigt sich Moderator Sandro Brotz nicht gerade von seiner besten Seite. Zum einen bringt ihn eine völlig harmlose Feststellung der Politikerin, er sei ja auch FCZ-Fan, aus dem Tritt. Zum anderen, bedeutend gravierender, vermischt auch er völlig unterschiedliche Dinge. Das Personenbeförderungsgesetz bzw. die Behandlung im Nationalrat und Fanmärsche: Zugfahren und zu Fuss gehen - unterschiedlicher gehts kaum. Noch dazu wirft er Aline Trede immer wieder vor, sie verteidige Gewalt und Sachschäden. Provokative Fragen in Ehren, aber das ist nur noch peinlich.

Einmal mehr bleibt man mit Unverständnis zurück. Mehrwert des Beitrags: Fehlanzeige. Wer sich den Beitrag trotzdem antun will, klicke hier.

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Die SBB und Fussballfans

In der Berner Zeitung wurde SBB-Sprecher Christian Ginsig interviewt. Thema: Bei einem Zug durch einen Tunnel werden diverse Fenster beschädigt. Es stellt sich heraus, dass die SBB einen Schrank nicht richtig gesichert hat. Der Schaden am Zug muss also auf der Seite geschehen sein, der näher an der Tunnelwand liegt. Umso unverständlicher die Antwort des SBB-Sprechers, die ich hier ohne weiteren Kommentar wiedergebe:

Wir sind vorerst von einer anderen Ursache ausgegangen. Wir glaubten, dass die Fenster an den vier Waggons beim Kreuzen mit einem Extrazug mit Fussballfans zerbrachen. 

Tags: SBB Fans


Qualitätsjournalismus #15

Der Nationalrat diskutierte gestern über die Lockerung der Transportpflicht der SBB. Diese wollen künftig Fussballfans den Zutritt zu Regelzügen verbieten können. Man könnte über das Ansinnen der SBB lange diskutieren. Ist die Lösung praktikabel? Wird sie später ausgeweitet auf andere Gruppen? Gehts den SBB wirklich um Fussballfans? Jede dieser Fragen könnte für sich alleine einen Blogpost füllen. Ich konzentriere mich hier aber bewusst auf die Medienberichterstattung im Vorfeld und im Nachgang zum Entscheid des Nationalrats, die Vorlage an den Bundesrat zurückzuweisen. Denn natürlich würde das Thema in der Medienlandschaft dankend aufgenommen. Ein Beispiel.

Das Nachrichtenmagazin 10vor10 wartete am Vorabend der Behandlungen im Nationalrat mit einem Bericht über die aktuelle Lage auf. Erschreckend ist, wie es die Journalistin versäumt, die Argumentation der Befürworter der Lockerung der Transportpflicht zu hinterfragen. Die Aufweichung der Transportpflicht und damit der Zwang zum Extrazug werden damit begründet, dass es jetzt in den Extrazügen zu unhaltbaren Zuständen komme. Man will also – in der Logik der Befürworter – die Leute in die Extrazüge zwingen, die bis jetzt schon darin fahren. Oder die Leute aus den Regelzügen verbannen, die jetzt schon nicht darin sitzen. Diese Argumentation ist offensichtlich völlig absurd, ganz egal, ob die Prämisse der unhaltbaren Zustände stimmt oder nicht. Angereichert wird die Argumentation, wen wunderts, mit den bekannten drei Millionen an ungedeckten Kosten. Warum aber ungedeckte Kosten ein Argument für Extrazüge sind, die ja offenbar genau diese ungedeckten Kosten verursachen, bleibt ein Rätsel. Der Vollständigkeit halber: Um Schäden handelt es sich dabei sowieso nur zu einem geringen Prozentsatz, wie mittlerweile selbst die SBB zugibt. In der Saison 09/10 waren es gemäss WOZ etwa 7.5%, im Jahr 2012 gemäss Tagi etwa 5.5%. Deshalb kann auch die unter gewissen Bedingungen mögliche Abwälzung der Haftung auf die Sportklubs nicht als Argument für die Änderung herhalten.

Der Nationalrat fand die Argumentation der Befürworter ebenfalls nicht schlüssig und wies die Vorlage an den Bundesrat zurück.

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Qualitätsjournalismus #9

Die Kommission für Verkehr und Fernmeldewesen (KVF) überraschte gestern mit dem Entscheid, nicht auf die Änderung des Personenbeförderungsgesetzes einzutreten. Der Bundesrat wollte damit die Transportpflicht der SBB und weiterer Organisationen aufweichen. So wollte man Fans zwingen, Extrazüge zu benützen.

Während der Entscheid in den meisten Printmedien ziemlich nüchtern wiedergegeben wurde, “glänzt” das SRF mit einem kaum zu unterbietenden Beitrag in der Tagesschau. Um das zu erläutern, muss man sich erst mal der Sinnlosigkeit der angestrebten Gesetzesänderung bewusst werden. Die aktuelle Situation präsentiert sich in etwa so: Ja, es gibt vereinzelt Sachbeschädigungen und Gewaltvorfälle auf den Zügen und in den Bahnhöfen. Und ja, das ist zu verurteilen. Aber: Die Kosten, die bei den SBB wegen der Fantransporte anfallen, sind zum allergrössten Teil nicht von Fans verursacht. Zudem fallen die Kosten bereits jetzt in Extrazügen an, weil mittlerweile praktisch die Fans aller Klubs mit nennenswertem Anhang in Extrazügen anreisen. Zusammengefasst: Der Bundesrat will das angeblich riesige Problem der Gewalt und Kosten im Zusammenhang mit Fantransporten lösen, indem er die Fans dazu zwingt, genau so zu reisen, wie sie das bis jetzt tun. Man muss nun wirklich kein Genie sein, um zu erkennen, dass das wenig Sinn macht; selbst wenn die Probleme wirklich so gross wären, wie immer wieder suggeriert wird. Dass die Gesetzesänderung schlicht nicht umsetzbar wäre, ist damit noch nicht mal ins Feld geführt. Es scheint viel eher der Hintergedanke zu sein, die Beförderungspflicht zu lockern, indem man gegen die lobbylosen Fussballfans ins Feld zieht. Danach kann mans dann auf alle unliebsamen Passagiere ausdehnen, mit dem Verweis auf die Fussballfans.

Das SRF scheint sich wenig für die tatsächliche Situation zu interessieren. Einige Punkte, bei denen ich nur den Kopf schütteln kann:

  1. Gleich in der Einleitung zum Bericht wird suggeriert, dass praktisch jeder Extrazug völlig demoliert wird. Diese Unterstellung wiederholt sich im Verlaufe des Berichts, gefolgt von einem “und dennoch hat Aline Trede heute die Kommission überzeugt” in einem Tonfall, der völliges Unverständnis ausdrückt.
  2. Dass Fans bereits jetzt in Extrazügen anreisen, wird gar nicht erst erwähnt. Offenbar ist es für das SRF unvorstellbar, dass Fans etwas machen, zudem sie nicht gezwungen werden. Das gipfelt in der Aussage des Moderators, dass die Kommission den “Antrag für solche Extrazüge” ablehnt. Es geht eben nicht um den Antrag für Extrazüge, sondern um den Antag der Lockerung der Beförderungspflicht.
  3. Gezeigt werden die immer gleichen Bilder. Ein Extrazug der Sion-Fans auf dem Rückweg vom Cupfinal, Ausschnitte aus einer Rundschau-Reportage, alles schon Jahre alt. Neueres Material existiert offenbar nicht.
  4. Die Aussagen des Generalsekretärs der KKJPD werden unkommentiert übernommen. Aus welchen fahrplanmässigen Zügen sollen die Fans denn raus? Wo fahren die Extrazüge denn nicht direkt bis zum Stadion, wenn das möglich ist (abgesehen von einigen Protestaktionen in Bern)? Welche Bahnhöfe und Innenstädte werden blockiert (wos nicht einfach unmöglich ist, ohne Verkehrsbeeinträchtigung von einem Bahnhof zum Stadion zu gelangen)?

Im Januar 2012 habe ich auf diesem Blog einen Beitrag abgeschlossen mit: “Es bleibt zu hoffen, dass dieses durchsichtige Spiel der SBB von den ParlamentarierInnen nicht mitgespielt wird, wenn die Transportpflicht diskutiert wird.” Offenbar haben zumindest 13 ParlamentarierInnen der KVF nicht mitgespielt.

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Sonderstrafrecht für Fussballfans?

Nach zwei Jahren soll das «Hooligan-Konkordat» bereits verschärft werden. Rechtsstaatliche Bedenken werden erneut mit dem Verweis auf ein angeblich immer schlimmeres Problem abgeschmettert. Das entbindet die Politik aber nicht davon, genau hinzuschauen.

Vor der Fussball-Europameisterschaft 2008 hat der Bund Gesetzesänderungen vorgenommen, die einen Imageschaden durch gewalttätige Fans an diesem weltweit beachteten Grossanlass verhindern sollten. Wegen verfassungsrechtlicher Bedenken wurden einzelne Massnahmen bis Ende 2009 befristet. Nach dem Auslaufen dieser gesetzlichen Grundlage hat die Konferenz der kantonalen PolizeidirektorInnen (KKJPD) eine Überführung der Massnahmen in ein Konkordat vorangetrieben. Das sogenannte «Hooligan-Konkordat» ist seit Beginn 2010 in Kraft. Sämtliche Kantone sind beigetreten.

Im Zweifel schuldig
Dieses Konkordat sieht eine Datenbank und Massnahmen wie Rayonverbote, Meldeauflagen, Präventivgewahrsam und Ausreisebeschränkungen vor. Davon betroffen ist, wer sich an Gewalttaten beteiligt. Definiert werden Gewalttaten mit einem Deliktkatalog, der sehr weit gefasst ist. Landfriedensbruch oder neu Hinderung einer Amtshandlung gehören auch dazu. Ob sich jemand schuldig gemacht hat, entscheiden nicht zwingend Richter, sondern im Zweifelsfall auch private Sicherheitskräfte mit «glaubwürdigen Aussagen». Es reicht schon, wenn «anzunehmen» ist, dass eine Massnahme nötig wird. Wer gegen eine zu Unrecht verhängte Massnahme vorgehen will, kann das tun. Aufschiebende Wirkung gibts aber keine. Einer der elementarsten Grundsätze eines Rechtsstaates lautet: im Zweifel für den Angeklagten. Das Konkordat kehrt diesen um. Wer seine Unschuld nicht beweisen kann, ist schuldig. Ein solches Papier ist eines Rechtsstaats unwürdig.

Private Sicherheitskräfte haben aber nicht nur die Möglichkeit, Fans in eine Staatsschutzdatei zu befördern. Sie dürfen, geht es nach der KKJPD, in Zukunft auch jeden Fan beim Betreten des Stadions ohne konkreten Verdacht im Intimbereich abtasten. Markus Mohler, ex-Kommandant der Kantonspolizei Basel-Stadt, sieht darin eine Verletzung der Grundrechte und prophezeit diesem Artikel eine Ungültigerklärung vor Bundesgericht.

Um ein Sonderrecht, das in weiten Teilen einem Parallelstrafrecht gleicht, für eine bestimmte Gruppe zu rechtfertigen und gar eine Verschärfung zu fordern, wird mit Zahlen hantiert, deren Wahrheitsgehalt angezweifelt werden darf. Die KKJPD begründet die Notwendigkeit damit, dass sich die Situation immer verschlechtere. Die Zeitschrift «Beobachter» ist der Sache auf den Grund gegangen. Offizielle Zahlen des Bundesamts für Statistik zeigen: 2009 kam es zu 327 Verzeigungen aufgrund von Gewaltstraftaten in Stadien, davon fünf schwere. Im Jahr 2010 ging die Anzahl Verzeigungen gar um 7% zurück. Die Zeitschrift rechnet aus: Auf rund 13‘000 Zuschauer kommt eine Verzeigung. Natürlich, jede einzelne davon ist eine zu viel. Trotzdem ist die angebliche Zunahme nicht zu beobachten.

Gewalt ist gesunken
Das belegen auch die stetig steigenden Zuschauerzahlen. Die schweizerische Fussballliga vermeldete in den letzten Jahren immer wieder Rekorde. Und trotzdem versuchen uns viele PolitikerInnen glauben zu machen, dass sich Familien nicht mehr in die Stadien getrauen. Sogar Roger Schneeberger, KKJPD-Generalsekretär sagt, dass eine «nicht repräsentative Umfrage mehrheitlich die Einschätzung ergab, dass eine Zunahme der Gewalt festzustellen ist». Konkrete Zahlen? Fehlanzeige.

Derselbe Realitätsverlust lässt sich in der Diskussion um die Fussball-Extrazüge erkennen. Die SBB sprach jahrelang davon, dass die Fans drei Millionen Franken Sachschaden pro Jahr verursachen. Interne Papiere, die von der «WochenZeitung» publik gemacht wurden, zeigen aber, dass sich der Schaden auf nicht einmal 10% dieser Summe beläuft. Auch hier ist festzuhalten: Jeder Franken ist zu viel. Wer aber die Augen vor den tatsächlichen Verhältnissen verschliesst und polemisiert, macht sich mitschuldig an der Überzeichnung des Problems. Wohin das führen kann,  ist bekannt. Die Fanarbeit Schweiz stellt fest: «Diese Stigmatisierung einer ganzen Fangruppe unterstützt die Solidarisierung der gemässigteren Fans für radikale Ideen und Verhalten, die bis zu einer Gewaltlegitimierung führen können.»

Aus Prinzip ein Sicherheitsrisiko
Das soll nun sogar noch verstärkt werden. Wer seine Mannschaft auch an Auswärtsspiele begleiten will, wird prinzipiell als Sicherheitsrisiko angesehen. Geht es nach der KKJPD, so reisen die Fans bald nur noch mit Kombitickets an Auswärtsspiele. Das heisst: Wer ein Ticket für den Gästesektor will, hat sich an einer vorher festgelegten Reise zu beteiligen. Will ein in Zürich wohnhafter FCSG-Fan beispielsweise das Spiel FC Zürich–FCSG im St.Galler Sektor verfolgen, muss er wohl zuerst nach St.Gallen reisen, um am organisierten Transport teilzunehmen. Und nach dem Spiel muss er über St.Gallen den Heimweg antreten. Die Einschränkung der persönlichen Freiheit ist immens, die Wirksamkeit zumindest umstritten.

Das Hooligan-Konkordat lässt sich in seiner jetzigen Form schon kaum rechtfertigen. Eine Verschärfung ist nicht angebracht. Schon gar nicht, ohne den längst überfälligen Ausgleich zwischen Repression und Prävention zu schaffen. Im Konkordatstext wimmelt es von Formulierungen, die einschneidende Massnahmen aufgrund von geringfügigen Delikten und sogar auf blosse Vermutung hin ermöglichen. Es ist die Pflicht aller PolitikerInnen, diesem Treiben Einhalt zu gebieten. Es ist inbesondere die Pflicht der SP, kein Sonderstrafrecht für eine bestimmte Gruppe zu befürworten. Heute sind es Fussballfans, morgen vielleicht Demonstrierende.

(Anmerkung: Diesen Artikel habe ich für das Politmagazin der SP St.Gallen geschrieben. Das ganze Magazin findet sich hier. Der St.Galler Kantonsrat wird das Geschäft noch in der April-Session behandeln.)

Update (13. April): Die Kommission für Aussenbeziehungen befürwortet die Verschärfungen (siehe Medienmitteilung). Es ist zu befürchten, dass diese Haltung auch im Kantonsrat obsiegt. Offenbar ist blinder Aktionismus, der sich kontraproduktiv auswirken wird, vielen Politikerinnen und Politikern wichtiger als eine richtige Analyse.

Update (14. April): Das Tagblatt greift den Kommissionsentscheid auch auf. In einem Nebensatz wird erwähnt: “Spiele der Clubs unterer Ligen oder anderer Sportarten kann die zuständige kantonale Behörde unter bestimmten Voraussetzungen für bewilligungspflichtig erklären.” Darauf bin ich in meinem Artikel nicht eingegangen, hätte bei Gelegenheit aber auch eine vertiefte Betrachtung verdient. Das Konkordat bietet nämlich dem Staat - und somit wohl häufig der Polizei beziehungsweise dem Chef der Polizei - die Möglichkeit, alles bewilligungspflichtig zu machen, was er nur will. Ein Freipass für regulierungswütige Polizisten?


Extrazüge: Viel heisse Luft um Sachschaden

Die SBB befördert Menschen von A nach B. Sie tut das, weil es ihr Geschäft ist. Sie tut das aber auch, weil sie es muss. Bis jetzt ist die SBB verpflichtet, Personen zu befördern. Das ist der SBB offensichtlich ein Dorn im Auge. Um Stimmung gegen die Transportpflicht zu machen, schiesst sie sich auf Fussballfans ein. Die WOZ durchleuchtet die Praxis der SBB, zu diesem Zweck Schadenssummen kreativer zu kommunizieren.

Pascal Claude hatte Einsicht in ein internes SBB-Papier. Im WOZ-Artikel "Der Schaden ist angedichtet" - nebenbei: ein grossartiger Titel! - zeigt er auf, wie aus einer Viertelmillion ganz schnell drei Millionen werden. Es sind nämlich keine drei Millionen Sachschaden, die Fussballfans in Extrazügen anrichten. Auch wenn die SBB das gerne so kommuniziert. Es sind gerade mal Fr. 225’503.65, die im SBB-Papier der Saison 2009/2010 ausgewiesen werden. Natürlich, jeder Rappen davon ist zu viel. Ob der Betrag - nota bene bei über 200 Extrazügen - die Hysterie aber wirklich rechtfertigt? Wohl kaum.

Noch interessanter wird es, wenn man folgendes bedenkt: In der Saison 2009/2010 brannte ein Waggon eines Extrazugs der FCSG-Fans im Bahnhof Aarau. Bereits wenige Minuten nach dem Ereignis äusserte sich der Sprecher der Kantonspolizei Aargau: “Noch können wir nicht sagen, warum es im Zug brannte. Das wird jetzt von Experten untersucht. Aber - es war nun mal der offizielle Fan-Extra-Zug…” Ein Polizist also, der den Rechtsstaat in der Öffentlichkeit repräsentieren sollte, setzt die Unschuldsvermutung ausser Kraft. Der selbe Sprecher wird im Nachhinein zitiert, dass die Bahnpolizei bereits in Kloten den Brand löschen musste. Dass die Fans selbst die enorme Hitze bemerkt hatten (bereits weit vor Kloten), wird nirgends erwähnt. Die Kantonspolizei Aargau veröffentlichte im Nachgang ein dürres Communiqué, der Brand sei jetzt geklärt. Ohne wirkliche Erklärung. Der Brand sei zwischen Sitz und Innenwand entstanden. In Wirklichkeit haben sich Fans und Bahnpolizei aber gemeinsam auf die Suche nach der Hitzequelle in der Wand - also zwischen Innen- und Aussenwand - gemacht. Die SBB hat den Fall schon gar nicht untersucht (oder zumindest keine Resultate veröffentlicht). Den Fans kann mans ja sowieso unterschieben. Rechnet man diesen Vorfall weg, bleibt von den gut Fr. 225’000.- wohl nicht mehr viel übrig.

Es bleibt zu hoffen, dass dieses durchsichtige Spiel der SBB von den ParlamentarierInnen nicht mitgespielt wird, wenn die Transportpflicht diskutiert wird.

UPDATE: Am Samstagmorgen hat sich der Pressesprecher der SBB (Christian Ginsig) über Twitter eingeschaltet:

Nun ja, das mag sein. Wenn man sich beispielsweise diesen Beitrag ansieht, spricht die SBB tatsächlich von ungedeckten Kosten. Nur: Der Pressesprecher wird in den Printmedien auch anders zitiert. Zum Beispiel hier oder hier. Auch wenn die Medien natürlich immer etwas verfälschen möchten könnten: Wenn ein wörtliches Zitat nicht stimmt, hätte die SBB intervenieren können, ja müssen! Es muss daher davon ausgegangen werden, dass auch die SBB “ungedeckte Kosten” und “Schaden” von Zeit zu Zeit durcheinander gebracht hat. Offen bleibt, was die SBB zum Brand in Aarau sagt. Die Frage ging auf Twitter an den Mediensprecher raus. Eine Antwort wird natürlich hier publiziert.

(Eine Notiz am Rande: Im verlinkten Beitrag von 10vor10 bezeichnet der SBB-Pressesprecher Bahnhöfe und Züge als öffentlichen Raum. Wenns dann aber um politische Werbung auf einem Bahnhofsareal geht, werden Bahnhöfe ganz schnell wieder privat. Der Tagi dazu: “Ihrer Ansicht nach handelt es sich beim Bahnhofareal laut Ginsig um privaten und nicht um öffentlichen Raum.”)

UPDATE II: Auch Pascal Claude ist der Meinung, dass die SBB wohl ganz zufrieden ist, wenn in den Medien von 3 Millionen “Sachschaden” und nicht von “ungedeckten Kosten” die Rede ist. Im Beitrag auf knappdaneben.net erklärt er, warum die Ausreden der SBB nichts taugen. Und warum die SBB mit dieser Auslegung der Zahlen nicht nur die Fans vor den Kopf stösst.

Der Pressesprecher der SBB weicht indes auf Twitter Fragen zum Brand in Aarau aus, indem er auf das dürre Communiqué der Kapo Aargau verweist (siehe oben). Auf meinen Kommentar, dass es einen Unterschied mache, obs ein Defekt war oder nicht, folgt folgende Reaktion:

Die Masche ist bekannt. Man verweist auf einzelne Zwischenfälle und rechtfertigt damit jegliches Vorgehen. Die Antwort zeugt nicht von Grösse. Für die SBB sind die Fans wohl immer schuld. Egal, was passiert. Auf ein erneutes Nachhaken bleibt der Twitter-Account von Christian Ginsig stumm. Die ganze Konversation ist hier nachzulesen (wird aktualisiert).

UPDATE III: Pascal Claude greift die Geschichte in seinem Blog ebenfalls nochmal auf.

UPDATE IV: Drei Tage später meldet sich der SBB-Sprecher über Twitter mit einem Artikel der Basellandschaftlichen Zeitung und bittet, diesen Artikel im Blog auch zu beleuchten. Mir ist nicht ganz klar, inwiefern der Artikel zur Verteidigung der SBB beiträgt. Ich komme dem Wunsch nach Berücksichtigung aber gerne nach.

Beim internen Papier handle es sich um ein Dokument mit wenig Aussagekraft. Es enthalte buchhalterische Werte und es würden sowieso nicht alle Schäden berücksichtigt. Warum diese Ausrede der SBB nicht funktioniert, zeigt Pascal Claude in seinem Blogbeitrag auf: "Wie wissen die SBB, wie viele ungedeckte Kosten anfallen, wenn tatsächlich nicht alle Kosten erfasst werden?" 

Der von Ginsig ins Spiel gebrachte Artikel zeigt zudem auf, dass Sachbeschädigungen in Extrazügen gar kein Thema sind. Ja, es geht dort nicht zu und her wie in einem Regelzug. Aber genau darum gibts die Extrazüge ja. Natürlich, die Sauberkeit lässt manchmal zu wünschen übrig. Dass die Fans aber auf eigene Kosten Abfallsäcke in den Waggons verteilen, verschweigt die SBB natürlich auch. Die SBB täte gut daran, ihre Kommunikation der Realität anzupassen. Es ist nämlich allen bewusst, die sich in irgendeiner Form für den Fussball und die Fanszene einsetzen, dass es Probleme gibt, die zu lösen sind. Daran wird auch gearbeitet. Wenn die SBB aber eben diese Leute immer wieder vor den Kopf stösst, indem sie masslos übertreibt, wird sie nichts erreichen. Im Gegenteil.